Heute möchte ich einige der Fragen beantworten, die mir als Onlinetherapeutin besonders häufig gestellt werden.

 

Sonia Jaeger Onlinetherapeutin

1. Denken Sie eigentlich auch zwischen den Sitzungen viel an Ihre Klienten?

Es gibt immer wieder Momente im Alltag, in denen ich an bestimmte Klienten denke. Sei es, wenn ich gerade etwas lese, das mich an jemanden erinnert oder von dem ich denke, dass es demjenigen helfen könnte oder weil mir ein anderer Klient (oder auch mal eine Freundin) eine ganz ähnliche Geschichte erzählt. Grundsätzlich schalte ich aber zwischen den Sitzungen eher ab und trenne Privates und Berufliches soweit es geht. Ich stelle mich dann erst kurz vor dem nächsten Videogespräch wieder gedanklich auf die Person ein, z.B. indem ich meine Notizen der letzten Sitzung durchlese.

 

2. Wie schalten Sie eigentlich ab?

In meinen Onlineberatungen werde ich täglich mit psychischen Problemen und mehr oder weniger schwierigen Lebensgeschichten konfrontiert. Natürlich gibt es darunter auch immer wieder welche, die mich auch persönlich berühren, traurig machen oder aufwühlen. Es gibt Dinge, über die ich auch nach Feierabend nachdenke oder die mir auch zwischendurch immer mal wieder einfallen. Das Abschalten ist dabei natürlich besonders wichtig und etwas das wir als Psychotherapeuten schon früh in unserer Ausbildung lernen und immer wieder aktiv praktizieren. Dennoch gelingt es natürlich nicht immer und überall, auch wir sind schließlich Menschen. Dafür tauschen wir uns z.B. regelmäßig mit Kollegen aus und besprechen besonders komplizierte Fälle.

Allerdings muss ich sagen, dass die Geschichten, die ich als Onlinetherapeutin zu hören bekomme in der Regel zum Glück weit weniger tragisch sind als diejenigen, die ich früher in der Klinik, sei es in der Erwachsenenpsychiatrie oder der Kinder- und Jugendpsychiatrie miterlebt habe. Gerade das Arbeiten mit misshandelten und missbrauchten Kindern hat mich z.B. persönlich immer wieder sehr berührt. Das bedeutet natürlich nicht, dass meine heutigen Klienten nicht unter ihren Sorgen leiden, ganz im Gegenteil und auch hier ist das Abschalten für mich natürlich wichtig. Ich glaube aber, dass wir Therapeuten da im Grunde im Vorteil sind. Dadurch, dass es für uns schon von Anfang an und immer wieder so wichtig ist, lernen wir oft viel früher als andere Berufstätige für eine gute Psychohygiene zu sorgen. Wir lernen uns abzugrenzen und eben auch abzuschalten. Auch hier gilt: Übung macht den Meister!

Wie ich also typischerweise tue um Abzuschalten? Zunächst mal sorge ich für regelmäßige offline Zeiten und lade meine Arbeitsemails z.B. nicht automatisch auf meinem Handy. Zwischen Sitzungen versuche ich mich zu bewegen, einen Tee zu trinken und mache auch gerne mal einen Handstand. So ein Perspektivwechsel, der auch noch Konzentration und Balance erfordert, der hilft ungemein. Ansonsten gehe ich gerne spazieren, mache Yoga oder andere schöne Dinge. Da ich ja meistens unterwegs bin und reise, wartet nach der Arbeit meist auch eine neue Stadt, ein Fluss oder das Meer auf mich. Auch das macht das Abschalten deutlich einfacher.

 

3. Mögen Sie manche Klienten mehr als andere?

Hierauf gibt es im Grunde zwei Antworten: Zum Einen gibt es durchaus Klienten, die mir persönlich besonders sympathisch sind oder bei denen ich mir vorstellen kann, dass wir uns, hätten wir uns unter anderen Umständen kennengelernt, vielleicht Freunde geworden wären. Zum Anderen gibt es Klienten, mit denen ich besonders gerne arbeite. Diese fallen nicht zwingend in die erste Kategorie, es handelt sich hierbei vielmehr um all die Menschen, die wirklich bereit sind sich auf den Beratungsprozess einzulassen. Menschen, die ernsthaft etwas in Ihrem Leben oder an Ihrem Verhalten ändern wollen und sich darum bemühen, das was wir in den Sitzungen besprechen auch im Alltag umzusetzen. Als ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gearbeitet habe, habe ich z.B. besonders gerne mit schwierigen, aggressiven oder hyperaktivem Jungendlichen gearbeitet. Es hat zwar meist etwas gedauert bis man zu diesen eine gute therapeutische Beziehung aufgebaut hatte, aber wenn das „Eis gebrochen“ war, dann sah die Welt schon ganz anders aus.

 

4. Gibt es bestimmte Klienten, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ja, viele! Manchmal sind es einzelne Details, manchmal der ganze therapeutische Prozess oder die Person, die mir in Erinnerung bleiben. Manchmal sind es die besonders tragischen Geschichten, manchmal sind es die Personen, mit denen es besonders lustig und abwechslungsreich war, mit denen ich spazieren gegangen bin, mit denen ich viel gelacht habe oder immer wieder um eine gute Internetverbindung gekämpft habe. Manchmal sind es diejenigen, mit denen ich über Jahre wöchentlich gesprochen habe, manchmal sind es aber auch die, die ich nur einmal gesehen habe. Manchmal ist es eine Person, die mich an jemanden erinnert oder die etwas ähnliches durchgemacht hat wie ein Freund oder Verwandter. Manchmal sind es diejenigen, die im Laufe der Therapie oder Beratung eine unglaubliche Entwicklung durchgemacht haben, die sich Ihren inneren Dämonen gestellt haben und gestärkt daraus hervorgegangen sind, manchmal sind es aber auch diejenigen, denen ich nicht helfen konnte.

 

5. Gibt es Dinge, die Sie an Ihrer Arbeit als Onlinetherapeutin nicht so gerne mögen?

Einer der großen Nachteile des online Arbeitens ist der fehlende ummittelbare Austausch mit Kollegen. Gerade durch das viele Reisen bin ich ja doch eher ein Einzelkämpfer im Alltag. In einer Klinik hat man ein ganzes Team um sich herum und auch in einer Praxis hat man als Psychotherapeut meist engen persönlichen Kontakt zu Kollegen. Ich habe mir aber inzwischen ein gutes Netzwerk aus Kollegen online aufgebaut, mit dem ich mich regelmäßig austausche. Darunter sind sowohl Kollegen aus Deutschland als auch aus anderen Ländern, was wiederum sehr spannend ist und den Blick über den Tellerrand hinaus erleichtert.

Ich vermisse manchmal auch das persönliche Gespräch mit Klienten. Sosehr ich die Vorteile der Video- und Emailberatung zu schätzen weiß, sosehr weiß ich doch auch, dass das persönliche Gespräch, von Angesicht zu Angesicht im selben Raum doch ein wenig anders ist.

Ich finde es schade, dass Onlineberatungen nicht von den Krankenkassen erstattet werden und das Psychotherapie in Deutschland bisher nur persönlich vor Ort stattfinden kann. Natürlich kann nicht jedes Problem online behandelt werden, aber es gibt jede Menge Studien die zeigen, dass Onlinetherapie bei einer ganzen Reihe von psychischen Problemen genauso hilfreich sein kann wie die klassische Form. Dass die Onlineberatung nicht erstattet wird bedeutet natürlich auch, dass sich nicht jeder diese leisten kann. Die meisten meiner Klienten leben allerdings sowieso nicht in Deutschland sondern im Ausland, sodass dies hier weniger eine Rolle spielt.

Die Tatsache, dass der Begriff psychologische Beratung nicht geschützt ist und somit so ziemlich jeder, der dies möchte, eine schöne Webseite erstellen kann und sofort mit dem beraten loslegen kann, macht es natürlich nicht einfacher. Ich selber habe nach meinem Psychologiestudium eine 5jährige Ausbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin absolviert, habe promoviert und u.a. mehrere Jahre in Kliniken gearbeitet. Damit bin ich aber eher die Ausnahme unter den Onlinetherapeuten. Ich finde es sehr schade, dass es für Klienten oft sehr schwer ist sich im Onlinedschungel zurechtzufinden und einen guten Therapeuten zu finden. Ein hilfreiches Kriterium kann hierbei das Gütesiegel des Berufsverbandes Deutscher Psychologen und Psychologinnen.

Beim letzten Punkt bin ich mir nicht sicher, ob der hierhin gehört oder in den nächsten Abschnitt. Denn es nervt manchmal und doch finde ich es unglaublich spannend: das Marketing. Als Psychotherapeut mit Kassensitz in Deutschland muss man sich nicht um die eigene Vermarktung kümmern, die Patienten kommen aufgrund der Marktsituation ganz von alleine. Online sieht die Welt schon ganz anders aus. Ich habe in den letzten Jahren viel gelernt über Social Media, habe neben meiner Webseite und meinem Blog auch eine Facebookseite erstellt und pflege diese regelmäßig, habe einen Instagramaccount auf dem ich nicht nur schöne Reisefotos poste und einen Newsletter, mit dem ich Interessierte regelmäßig über Neues aus meiner Onlinepraxis auf dem Laufenden halte. Was mich daran eigentlich vor allem immer wieder nervt ist, dass dadurch eine klare Trennung von Beruf und Privat nicht mehr so einfach möglich ist. Die Zeiten in denen ich bei Facebook nur ab und zu mal eine neue Benachrichtigung erhalten und ein paar Urlaubsfotos von Freunden gesehen habe sind eindeutig vorbei…

 

6. Was mögen Sie an Ihrer Arbeit als Onlinetherapeutin besonders gerne?

Darüber habe ich schon mal einen ganzen Artikel geschrieben, zu dem geht es hier lang! In der Kurzfassung: Ich finde es toll, dass ich als Onlinetherapeutin meinen Traum von einem ortsunabhängigen Leben mit meinem Job kombinieren kann. Dass ich reisen kann oder auch von zu Hause aus (wo auch immer das sein mag) arbeiten kann.

Ich freue mich besonders darüber, dass ich dadurch Menschen erreichen kann, die sonst gar keinen Zugang zu einem Therapeuten hätten. Mich fasziniert die große Vielfalt an Menschen mit denen ich zu tun habe, Klienten, die in Deutschland, Asien, Afrika oder Amerika leben und deren Probleme sich doch oft so ähnlich sind.

Ich genieße es, lange auszuschlafen, viel weniger zu arbeiten als zu Zeiten, in denen ich neben einer Vollleitstelle auch noch meine Therapieausbildung gemacht habe oder später promoviert habe und ich liebe es, mir spontan freie Tage zu gönnen. In diesem Sinne, und mit besten Grüßen aus Frankreich – ich bin dann mal am Strand 🙂

 

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Welche Frage(n) würden Sie mir gerne noch stellen? Ich freue mich auf Ihre Kommentare!

6 Fragen an eine Onlinetherapeutin
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16 Gedanken zu „6 Fragen an eine Onlinetherapeutin

  • 17. August 2017 um 4:29 PM
    Permalink

    Ich wusste gar nicht, dass sowas geht. Onlinetherapie – kann man da tatsächlich eine Beziehung zum Klienten aufbauen? Ich stelle es mir irgendwie schwierig vor. Aber ich habe auch früher gedacht, dass es nicht möglich ist von zu Hause aus zu arbeiten bzw. lernen. Aber auch das habe ich geschafft und habe mich nicht ablenken lassen.

    Auf jeden Fall finde ich es interessant, eine Therapie online anzubieten. Wie schon oben beschrieben, kann man so Menschen erreichen, die sonst keine Möglichkeit haben, therapiert zu werden.

    LG
    Kristina

    Antworten
    • 17. August 2017 um 4:47 PM
      Permalink

      Hallo Kristina,

      ich war früher selber sehr skeptisch und bin immer wieder überrascht davon, wie gut sich auch online eine therapeutische Beziehung aufbauen lässt. Trotzdem ist es natürlich anders, als wenn man sich persönlich gegenüber sitzt, ganz klar!

      viele Grüße aus Frankreich,
      Sonia Jaeger

      Antworten
  • 17. August 2017 um 4:58 PM
    Permalink

    Ein toller und zudem sehr informativer Bericht. Ich wusste zum Beispiel gar nicht, dass es auch Onlinetherapeuten gibt. In der heutigen Zeit zwar ganz logisch, aber mir dennoch neu 🙂
    Liebe Grüße
    Andrina

    Antworten
    • 17. August 2017 um 5:11 PM
      Permalink

      Ich glaube so geht es den meisten, Andrina. Aber so langsam spricht es sich rum und auch die Krankenkassen öffnen sich langsam dem Thema, geforscht wird dazu sowieso schon recht eifrig, es kann also nur noch Jahre dauern, bis wir auch alle offen darüber sprechen 😉

      Antworten
  • 17. August 2017 um 5:08 PM
    Permalink

    In den US A ist Onlinetherapie sehr verbreitet, man bekommt sogar seine Rezepte zugeschickt. Ich kenne das, da jemand aus meiner Verwandschaft Therapeutin ist.
    Liebe Grüße
    Sigrid

    Antworten
    • 17. August 2017 um 5:12 PM
      Permalink

      Ja, genau Sigrid! Auch manch andere europäische Länder sind uns da schon einen Schritt voraus. Aber so langsam spricht es sich auch in Deutschland rum, ich kann mich jedenfalls nicht über mangelndes Interesse und Klienten beklagen 🙂

      Antworten
  • 17. August 2017 um 7:10 PM
    Permalink

    Also Fragen habe ich zwar nicht aber ein Lob möchte ich loswerden 🙂 Ich finde es super, dass es Online Therapeuten gibt. Gerade in der heutigen Zeit, muss man sich neu orientieren und auch online eine Präsenz bieten.

    Liebe Grüße
    Nadine von tantedine.de

    Antworten
  • 17. August 2017 um 9:18 PM
    Permalink

    Von Onlinetherapie habe ich bisher auch noch nie was gehört – es klingt aber sehr spannend! Ich glaube, da muss ich mich bei dir mal einlesen, damit ich mir mehr darunter vorstellen kann. 😊

    Antworten
    • 17. August 2017 um 10:54 PM
      Permalink

      Gerne, ich habe einige Infos zum Thema auf meinem Blog zusammen gestellt und teile regelmäßig auch Neues aus dem Bereich auf Facebook 🙂

      LG!

      Antworten
  • 17. August 2017 um 10:32 PM
    Permalink

    Zugegeben, ich verstehe ich nicht viel von Therapien jeder Art, ich habe Gott-sei-Dank noch nie einen gebraucht. Was mich aber total beeindruckt ist, dass du für Dich einen Weg gefunden hast, wie du Dein Fernweh/ Reiselust mit Deinem Beruf verbinden kannst. Das nenne ich Unabhängigkeit! Chapeau dafür!
    Grüssle, Simone

    Antworten
    • 17. August 2017 um 10:53 PM
      Permalink

      Danke Simone! Erst mal natürlich sehr schön für dich, dass du noch nie Bedarf hattest. Es gibt wirklich schöneres im Leben als psychische Probleme. Gleichzeitig sind sie so verbreitet, dass vermutlich jemand in deinem näheren Umfeld schon welche hatte…

      Und es stimmt, ich bin immer wieder selbst begeistert davon, was heute alles online möglich ist und das Reisen gefällt mir sehr 🙂

      liebe Grüße aus Frankreich,
      Sonia

      Antworten
  • 18. August 2017 um 7:57 AM
    Permalink

    Ich habe bis heute auch nicht gewusst, dass es Online-Therapie gibt. Auch in Österreich? Aber im Grunde genommen ist es ja eine ligische Weiterentwicklung der Telefonseelsorge. Ich finde es einen (relativ) niederschwelligen Zugang zu Therapie, da ja die mögliche, vorhandene Scheu/Angst/Scham, sich einer „analogen“ Person zu öffnen umgangen wird. In der heutigen „virtuellen/digitalen“ Welt fällt es vielen Menschen (scheinbar) viel leichter sich zu öffnen. Nur mal so vor mich hingesponnen. Danke für den interessanten Beitrag.

    Antworten
    • 18. August 2017 um 8:36 AM
      Permalink

      Hallo Platz-nehmerin,

      vielen Dank für den Kommentar, genau so empfinden es viele meiner Klienten. Hinzu kommen noch all diejenigen, die im Ausland leben und vor Ort keinen deutsch-sprachigen Psychologen haben.

      Auch in Österreich gibt es ein paar Anbieter, aber da viele meiner Klienten auch aus Österreich kommen, wohl auf jeden Fall nicht genug. Aber das ist natürlich der Vorteil, online ist es nicht ganz so wichtig woher man kommt, solange man sich verständigen kann 🙂

      LG aus dem heute verregneten Frankreich!

      Antworten
  • 18. August 2017 um 10:17 AM
    Permalink

    Wow, super Beitrag! Finde es toll, diese Seite mal kennenzulernen und zu sehen, wie es der Person ergeht, die all den Leuten da draussen immer hilft. 🙂

    Antworten
  • 18. August 2017 um 5:31 PM
    Permalink

    Liebe Sonia,

    ein interessanter Beitrag für mich als Psychologin – ich kann mir Onlinetherapie zwar irgendwie nicht so ganz vorstellen, weil mir der persönliche Kontakt wichtig wäre, aber es scheint ja zu funktionieren :-).

    Liebe Grüße
    Verena

    Antworten

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