Am 6. Oktober 2022 habe ich mein 8-jähriges Jubiläum als digitale Nomadin gefeiert. Es war der perfekte Anlass auf die vielen Orte, die ich in dieser Zeit besucht habe und die Erfahrungen, die ich auf meinen Reisen rund um den Globus gesammelt habe, zurück zu blicken. In diesem Blogpost möchte ich mit Ihnen meine 8 wichtigsten Erkenntnisse aus 8 Jahren als digitale Nomadin teilen.

 

8 Jahre als Digitale Nomadin

Coworking mit meiner Virtuellen Assistentin Charlotte (die dieses Foto gemacht hat) in Montréal

 

 

1. Digitale Nomadin oder ortsunabhängig?

 

Beginnen wir zunächst einmal mit dem Begriff „digitale/r Nomad*in”. Viele Menschen meiden diese Bezeichnung und benutzen stattdessen lieber Begriffe wie selbstständig und/oder ortsunabhängig, um diese Lebensweise zu beschreiben. Das liegt daran, dass viele Leute bei digitalen Nomad*innen oft automatisch an die so genannten „Bromads” denken.

Das Wort „Bromad” (eine Kombination aus dem englischen „Bro” und Nomad) wird verwendet, um digitale Nomad*innen zu beschreiben, die diesen Lebensstil in erster Linie wählen, um viel Geld zu verdienen, indem sie in möglichst günstigen Ländern leben und arbeiten. Zudem zeichnen sie sich oft durch mangelnden Respekt vor Frauen und örtlichen Kulturen aus und haben mitunter eine eher nervige Online-Präsenz. Leider ist das Bild der „Bromads” in der Welt der digitalen Nomad*innen so präsent, dass man leicht vergisst, dass es außer ihnen noch einer Vielzahl anderer Nomad*innen aus diversen Kulturen und Umfeldern gibt.

Für mich zeigt die Präsenz der „Bromads” nur wie wichtig es ist, den Begriff der digitalen Nomad*innen zurückzufordern, um der Welt zu zeigen, dass wir eben nicht alle so sind! Es gibt außerdem zahllose von Frauen hervorgerufene Initiativen, die das Gegenteil beweisen, wie zum Beispiel das Digital Nomad Girls Netzwerk oder der feministische Podcast Nomad + Spice, in dem ich schon mehrfach zu Wort gekommen bin. Wenn Sie noch mehr über die Problematik der „Bromad” Kultur erfahren möchten, können Sie sich die hier verlinkte Nomad + Spice Folge zu dem Thema anhören. 

 

 

 

2. Wie sieht das Leben eines/r digitalen Nomad*in wirklich aus?

 

Viele denken bei digitalen Nomad*innen sofort an typische Klischees, wie zum Beispiel Menschen, die mit ihrem Laptop an den Stränden von Bali arbeiten. Es gibt aber nicht die oder den eine/n Nomad*in, denn dieser Lebensstil kann für jede Person anders aussehen. 

Ich persönlich, zum Beispiel, würde meine Art des Reisens als eher langsam beschreiben, da ich oft mindestens einen Monat lang an einem Ort bleibe. Je nachdem wen man fragt, würden manche dies jedoch schon als schnelles Reisen bezeichnen. Einige Nomaden Freund*innen von mir wechseln ihren Aufenthaltsort alle zwei Wochen oder noch öfter, während andere mehrere Monate am Stück an einem Ort bleiben. Wieder andere wechseln längere Aufenthalte an ihrem Lieblingsort mit schnelleren Kurztrips zwischendurch ab. Das ist einer der vielen Vorzüge dieses Lebensstils – es ist ein Leben des ständigen Wandels und der Anpassung, dass einem die Freiheit gibt, so zu leben, wie man sich gerade fühlt. 

Zuweilen führte das dazu, dass ich mir auf einer kleinen thailändischen Insel für mehrere Monate eine Art festen Wohnsitz einrichtete und mir sogar ein eigenes Moped kaufte, während ich zu anderen Zeiten viel häufiger meine Umgebung wechselte. In vielerlei Hinsicht war sogar die Pandemie nur eine weitere Phase der Anpassung auf dieser Reise.

 

Sonia arbeitet in Vietnam

An einem neuen Blogpost schreibend auf meiner Terasse in Vietnam

 

3. Soziale Kontakte sind das A und O

 

Wenn man ständig an neue Orte zieht, fühlt man sich schnell einsam. Deshalb ist es als Nomad*in umso wichtiger darauf zu achten seine sozialen Beziehungen zu pflegen und aufzubauen. Neue Menschen vor Ort kennen zu lernen ist zwar ein wichtiger Teil des Reisens, doch über die Jahre habe ich gelernt, dass es auf die richtige Balance zwischen den drei Gruppen von Menschen in meinem Leben ankommt: Meine Freund*innen und Familie zu Hause oder in fernen Ländern, diejenigen, die einen ähnlichen Lebensstil wie ich führen, und die Menschen, die ich auf meinen Reisen vor Ort treffen kann. 

Viele Nomad*innen und Rucksacktourist*innen sind bemüht, vollständig in die lokale Kultur einzutauchen. Andere Reisende wiederum konzentrieren sich nur darauf, die Beziehungen zu ihren Freund*innen und ihrer Familie in der Heimat aufrechtzuerhalten. Beide Ansätze können zwar kurzfristig funktionieren, aber auf lange Sicht fehlt meist etwas. Deshalb glaube ich, dass es langfristig am Besten ist, mit allen drei Personengruppen ausgewogene Beziehungen zu pflegen. 

Für mich bedeutet das, dass ich regelmäßig Freund*innen und Familie besuche (viele von ihnen sind ohnehin auf der ganzen Welt verstreut) und ich genieße die Tatsache, dass viele von ihnen selber gerne reisen und mich in anderen Ländern besuchen kommen. Gleichzeitig gehe ich auch zu lokalen Treffen und Veranstaltungen und bemühe mich vor Ort neue Leute kennenzulernen – sei es, dass ich mich mit dem oder der Barista in meinem neuen Lieblingscafé unterhalte oder an Networking-Veranstaltungen, Stadtführungen oder ähnlichem teilnehme. 

Und schließlich sind da noch meine Online-Gruppen – ohne sie könnte ich dieses Leben gar nicht führen. Von meinem monatlichen Nomaden-Buchclub bis hin zu meiner LIT-Community, sind diese virtuellen Treffen eine großartige Möglichkeit für mich, neue Leute mit einem vergleichbaren Lebensstil kennen zu lernen und diese Kontakte zu pflegen. Und manchmal treffe ich diese online Freund*innen auch in der realen Welt, z. B. auf der diesjährigen 7in7-Konferenz in Montréal, die eine tolle Gelegenheit bot, alte Freund*innen wieder zusehen und neue Kontakte zu knüpfen, oder zum Beispiel auch kürzlich bei einer Co-Working Session mit meiner Kollegin Dorothee in Quito, Ecuador.

 

 

Co-working mit Dorothee in Quito

Coworking mit Dorothee in Quito, Ecuador

 

 

4. Vorausplanen

 

Mit ein bisschen Planung im Voraus lässt es sich viel entspannter reisen. Die wohl wichtigste Frage, mit der ich mich ich immer bereits vor meiner Ankunft auseinandersetze, ist, wo ich wohnen werde. Da ich viel von zu Hause aus arbeite, zum Beispiel, wenn ich meine Online-Beratungsgespräche führe, ist es mir wichtig, in einer schönen Wohnung zu sein. Ich erkunde auch gerne zu Fuß meine Umgebung, deshalb achte ich meist auf eine zentrale Lage, am liebsten mit einem großen Supermarkt und netten Cafés zum Arbeiten in unmittelbarer Nähe.

Schon bevor ich in einer neuen Stadt ankomme, buche ich oftmals bereits eine Stadtführung oder melde mich für einen Kurs in einem Yogastudio an. Zum einen habe ich dann bereits etwas auf das ich mich in meiner neuen Stadt freuen kann, vor allem aber weiß ich, dass es unwahrscheinlicher ist, dass ich mich von Jetlag, Stress, Arbeit oder auch purer Faulheit davon abhalten lasse etwas zu tun, wenn ich es bereits im Vorfeld geplant und bezahlt habe 😉

Andere Dinge, die ich oft vorab recherchiere, sind das öffentliche Verkehrsnetz und die besten SIM-Karten im jeweiligen Land. Allerdings wird mein nächstes Mobiltelefon auf jeden Fall eines sein, das eSIM-Karten unterstützt, denn das wird den ganzen Prozess noch viel einfacher machen. 

 

 

5. Routinen und Rituale geben meinem Leben Struktur

 

Obwohl ich ständig meinen Aufenthaltsort wechsle, ist mein Leben dennoch sehr strukturiert. 

Ich habe eine Reihe von Ritualen, die ich nutze, wenn ich reise und an neuen Orten ankomme. An Reisetagen arbeite ich normalerweise gar nicht und verbringe lange Fahrten stattdessen lieber damit Hörbücher oder Musik zu hören, während ich die Landschaft an mir vorbeiziehen lasse. Ich mag es auch nicht, an Reisetagen gestresst zu sein (die sind ja so schon kompliziert genug, vor allem, wenn es sich um ein neues Land handelt). Deshalb komme ich lieber etwas früher an und genieße eine leckere Tasse Kaffee am Flughafen, anstatt durch den Flughafen sprinten zu müssen, weil ich zu spät dran bin. 

Auch einige meiner Reisegewohnheiten haben sich im Laufe der Jahre geändert. Ich zahle inzwischen lieber für eine zusätzliche Nacht in meinem Airbnb, wenn ich spät auschecken möchte, als einen halben Tag lang mit meinem gesamten Gepäck in einem Café zu verbringen zu müssen.

Wenn ich an einem neuen Ort ankomme, nehme ich mir als Erstes ein paar Minuten Zeit, um mich hinzusetzen und meine Umgebung zu beobachten, vor allem, wenn es eine lange Reise war. Ich gönne mir 5-10 Minuten Zeit zum Durchatmen, nachdem ich die Passkontrolle und den Zoll am Flughafen passiert habe, noch bevor ich mich auf die Suche nach einem Nahverkehrsmittel für die Weiterfahrt mache oder mir ein Uber bestelle.

In meiner neuen Wohnung angekommen, prüfe ich als erstes von wo aus ich am besten meine Online-Beratungsgespräche mit meinen Klient*innen führen kann. Ich nehme mir auch immer etwas Zeit, um es mir in meiner neuen Wohnung gemütlich zu machen. Dazu gehört, dass ich alle Duftkerzen, Räucherstäbchen und kitschigen Dekorationen entferne. Manchmal arrangiere ich sogar die Möbel komplett neu. Wenn ich mich in meiner neuen Wohnung fertig eingerichtet habe, mache ich mich auf den Weg zum nächsten Supermarkt und suche mir ein nettes Café in der Nachbarschaft, welches dann zu meinem Arbeitsplatz wird, wenn ich mal nicht von der Wohnung aus arbeite.

 

Folklore Cafe

Folklore Cafe, mein Lieblingsplatz zum Arbeiten in Adelaide, Australien

 

Auch meine Arbeit ändert sich nicht, egal wo ich bin und auch mein Laptop sieht überall auf der Welt genau gleich aus. Meine regelmäßigen Aufgaben und Arbeitsroutinen ändern sich nicht, denn egal, wo ich mich befinde, werde ich immer wie gewohnt meine E-Mails abrufen, Beratungsgespräche führen, Inhalte überprüfen, die mein Team für mich vorbereitet hat, oder zum Beispiel an Co-Working-Sitzungen in meiner LIT Community teilnehmen. Zwischen meinen Beratungesgesprächen oder anderen Tätigkeiten mache ich manchmal kurze Pausen, indem ich zum Supermarkt gehe oder um den Block laufe, was natürlich an jedem Ort anders aussieht, aber insgesamt sehen meine Arbeitstage auf der ganzen Welt ziemlich gleich aus. Die Trennung zwischen Arbeitstagen und freien Tagen bedeutet, dass ich die Tage, an denen ich nicht arbeite, als Touristin nutzen kann, um mein neues Zuhause auf Zeit zu erkunden. 

 

6. Auch digitale Nomad*innen brauchen Urlaub! 

 

Viele Menschen haben den Eindruck, dass digitale Nomad*innen ständig im Urlaub sind. Glauben Sie mir, die Realität sieht anders aus! Das Nomadentum ist unsere Art zu leben, mit all den üblichen alltäglichen Aufgaben, wie Abwasch und Wäsche waschen – obwohl ich zugegebenermaßen wahrscheinlich nicht so viel putzen muss wie andere, da ich selten lange genug an einem Ort bleibe – und auch dem üblichen Arbeitsstress, mit dem alle anderen auch zu kämpfen haben. Viele Nomad*innen neigen sogar dazu, noch mehr zu arbeiten, da wir einen großen Teil unserer Identität mit unserer Arbeit verbinden. Und manchmal können die einfachsten Aufgaben in der Fremde komplizierter sein und mehr Energie fordern als zu Hause. Deshalb ist eine gute Work-Life-Balance für digitale Nomad*innen genauso wichtig wie für alle anderen. 

Für mich bedeutet das, dass ich versuche, nur vier Tage pro Woche zu arbeiten. Seit ein paar Jahren nehme ich mir auch jedes Jahr zu Weihnachten einen ganzen Monat frei und ich gehe allmählich dazu über, auch im Laufe des Jahres längere Pausen einzulegen. Manchmal, wie z. B. bei meinem kürzlichen Kurzbesuch in Peru, nehme ich keine Beratungsgespräche an, muss aber trotzdem täglich etwa eine Stunde Arbeit erledigen, die nicht warten kann. Meistens versuche ich jedoch, (buchstäblich) abzuschalten, indem ich alle Benachrichtigungen auf meinem Handy ausschalte und alle arbeitsbezogenen Apps und oft auch Social Media Apps für die Dauer meines Urlaubs deinstalliere.

Dieses Jahr werde ich voraussichtlich bis zu 12 Wochen Urlaub machen. Und das ist für mich einer der größten Vorzüge daran sein/e eigene/r Chef*in zu sein, man kann seine Tage, Wochen und Monate so gestalten, wie es für einen selbst am besten funktioniert – vor allem, wenn man ein großartiges Team hat, das einen unterstützt.

 

 

Camping in Bosnia Herzegovina

Camping Trip in Bosnien und Herzegovina

 

 

7. Die Auswirkungen auf die Umwelt

 

Wenn man so häufig fliegt, wie ich es tue, hinterlässt das natürlich einen nicht unerheblichen ökologischen Fußabdruck, ebenso wenig wie all die Arbeit, die ich online erledige, von den E-Mails, die ich verschicke, bis hin zu meinen Zoom-Calls und dem Cloud-Speicher, den ich verwende. Ich glaube jedoch, dass es möglich ist, auch für mich als digitale Nomadin umweltfreundlich zu leben, im Einklang mit meinen persönlichen Werten. Für mich gehören dazu Dinge wie der Kauf von regionalen Produkten, die Reduzierung meines Plastikverbrauchs und die Bemühung wann immer möglich zu Fuß zu gehen oder öffentliche Verkehrsmittel statt Autos oder Taxis zu nutzen

Entscheidend ist für mich, sich seine Auswirkungen bewusst zu machen, darüber zu sprechen, sich zu informieren und Lösungen zu finden, die mit dem Lebensstil vereinbar sind. Ich ziehe grundsätzlich eine 9-stündige Zugfahrt dem Flug von Paris nach Berlin vor. Wenn ich fliege, zahle ich lieber etwas mehr für einen Direktflug, anstatt einen Billigflug mit Zwischenlandung zu wählen, um meinen CO2 Ausstoß zu verringern. Und obwohl es natürlich immer am besten ist gar nicht erst zu fliegen, kann eine CO2 Kompensation ein Schritt in die richtige Richtung sein, wenn sich ein Flug nicht vermeiden lässt. Ich überlege auch immer zweimal, bevor ich etwas kaufe (wo oder von welcher Firma kaufe ich und welche Auswirkungen hat das? Brauche ich dieses Teil wirklich?) und wenn ich doch einmal ein Kleidungsstück kaufe, dann kaufe ich es gebraucht im Second-Hand Geschäft. 

 

 

8. Meinen eigenen Weg finden

 

Zu guter Letzt, hier das vielleicht Wichtigste, was ich in acht Jahren als Digital Nomadin gelernt habe: Wir alle müssen unseren eigenen Weg finden, dieses Leben zu leben! Im Laufe der Zeit habe ich viele verschiedene Dinge ausprobiert und meine Art zu reisen und zu arbeiten immer wieder neu angepasst. Es gab Zeiten, in denen ich nur in drei Wochen des Monats meine Online-Beratungsgespräche mit Klient*innen geführt habe, um die vierte Woche für die Arbeit an neuen größeren Projekten zu nutzen. Inzwischen plane ich nur noch 3 Tage pro Woche für Gespräche ein und nehme mir dafür mindestens einen Tag pro Woche für administrative Aufgaben Zeit, welche ich von überall erledigen kann, auch in einem netten Café.

Und ich nehme nach wie vor Anpassung vor. Unterschiedliche Zeitzonen können zum Beispiel bestimmte Änderungen in meinem Arbeitsplan erfordern. Zurzeit, da ich in Südamerika bin, arbeite ich so etwas wie einen typischen 9-17:00 Arbeitstag, weil die meisten meiner Kunden und mein gesamtes Team in Europa und Afrika sind. Wenn ich jedoch in Australien bin, arbeite ich morgens in Cafés, mache dann meist eine längere Pause zur Mittagszeit und setze schließlich meinen Arbeitstag abends mit Online-Beratungsgesprächen fort.

Es kann eine Weile dauern, bis man herausfindet, was für einen selbst gut funktioniert und was nicht. Ich probiere kontinuierlich neue Dinge aus und passe mich entsprechend an, wenn sie sich für mich als hilfreich oder sinnvoll erweisen. Diese Flexibilität ist einer der vielen Vorteile dieses Lebensstils!

 

 

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Hat Sie etwas an meinen Erkenntnissen überrascht? Und wenn Sie selbst auch ein/e digitale/r Nomad*in sind, was ist für Sie persönlich Ihre größte Erkenntnis?

 

8 Jahre Digitale Nomadin

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