Worauf achten Sie normalerweise, bevor Sie ein Videogespräch starten? Die meisten Menschen werfen zumindest einen kurzen Blick auf das eigene Bild, prüfen vielleicht, was im Bildausschnitt zu sehen ist, oder schalten einen Weichzeichner ein, um den Hintergrund unkenntlich zu machen. Aber nur die wenigsten achten darauf, wo sie sitzen. Meist setzt man sich für das Gespräch einfach dorthin, wo es gerade passt oder wo man ohnehin schon war, zum Beispiel an den Schreibtisch, den Küchentisch oder auf das Sofa.

Dabei hat der Ort, von dem aus wir unsere Videogespräche führen, einen viel größeren Einfluss, als den meisten bewusst ist. Unsere Umgebung beeinflusst nämlich nicht nur, wie wir auf andere wirken, sondern auch, wie wir uns fühlen, wie aufmerksam wir sind und wie präsent wir an einem Gespräch teilnehmen können. Und oft reichen schon kleine Veränderungen aus, damit sich ein Gespräch ruhiger, fokussierter und angenehmer anfühlt.

 

Der richtige Platz für bessere Videogespräche: 5 Tipps für mehr Fokus

Foto: Jep Gambardella, Pexels

 

Wie Ihre Umgebung Sie beeinflusst

 

Vielleicht haben Sie auch schon einmal bemerkt, dass verschiedene Orte unterschiedliche Gefühle in Ihnen auslösen können. Am Schreibtisch zu sitzen fühlt sich anders an als auf dem Sofa oder im Bett zu sein, selbst dann, wenn Sie eigentlich dasselbe tun. Dieses Phänomen ist etwas, das in der sogenannten Umweltpsychologie untersucht wird, einem Bereich, der sich damit beschäftigt, wie unsere Umgebung unser Denken, Fühlen und Verhalten beeinflusst. 

Eine der zentralen Annahmen der Umweltpsychologie lautet, dass unser Gehirn die Umgebung als Orientierung verwendet. Mit der Zeit verknüpfen wir bestimmte Orte mit bestimmten Zuständen. Die Küche steht für Essen oder Pausen, der Schreibtisch für Fokus und Aufgaben, das Sofa oder das Bett für Entspannung und Abschalten. Diese Verknüpfungen entstehen oft unbemerkt, sind aber, einmal vorhanden, erstaunlich beständig. Die Umgebung signalisiert unserem Gehirn, in welchem „Modus“ wir uns befinden, und beeinflusst dadurch, wie wir denken und wohin unsere Aufmerksamkeit wandert.

Besonders deutlich wird das beim Arbeiten von zu Hause. Hier sind die Grenzen zwischen verschiedenen Lebensbereichen oft weniger klar. Ein und derselbe Tisch dient unter Umständen für Arbeit, Mahlzeiten, Gespräche und Entspannung. Und das manchmal alles an einem Tag. Diese Mehrfachnutzung kann die Signale, die unsere Umgebung uns normalerweise gibt, verwischen.

In der Praxis wirkt sich das nicht nur darauf aus, wie wir uns fühlen, sondern auch darauf, wie leicht oder schwer es uns fällt, in einem Gespräch präsent zu bleiben. Selbst wenn wir versuchen, Ablenkungen zu minimieren, spielen oft verschiedene Ebenen eine Rolle. Manche davon sind offensichtlich und leicht zu beheben, wie offene Tabs, eingehende Nachrichten oder unerledigte Aufgaben auf dem Bildschirm oder Schreibtisch. Ein kurzer Moment vor dem Gespräch, um Dinge zu schließen, Benachrichtigungen auszuschalten oder die unmittelbare Umgebung etwas aufzuräumen, kann bereits einen spürbaren Unterschied machen.

Gleichzeitig gibt es aber oft auch eine weniger sichtbare Ebene, die sich nicht so leicht abschalten lässt. Denn unsere Aufmerksamkeit wird nicht nur von dem beeinflusst, was wir sehen, sondern auch von den Bedeutungen, die wir mit einem Ort verbinden. 

Wenn Sie ein Gespräch am Schreibtisch führen, trägt dieser Ort den Kontext all dessen, was Sie dort vorher getan haben und was danach noch an Aufgaben auf Sie wartet. Wenn Sie neben einem Spülbecken voller ungewaschener Teller sitzen, wird ein Teil Ihrer Aufmerksamkeit vermutlich immer wieder dorthin wandern, auch wenn Sie das gar nicht beabsichtigen. Das passiert meist ganz subtil, kann aber dazu führen, dass sich ein Gespräch anstrengender oder distanzierter anfühlt, als es sein müsste.

 

 

5 Tipps für mehr Fokus und Präsenz in Videogesprächen

 

Um gelungenere Videogespräche zu führen, benötigen Sie kein perfektes Setup oder gar ein eigenes Büro. Oft reichen ein paar kleine, bewusste Anpassungen, um Gespräche spürbar zu verändern.

 

1. Wählen Sie Ihren Platz bewusst


Bevor Sie einem Videogespräch beitreten, kann es helfen, kurz innezuhalten und sich zu fragen: Was für ein Gespräch steht an und welcher Ort könnte das unterstützen? 

Ein Arbeitsmeeting lässt sich gut am Schreibtisch führen, mit aufrechter, wacher Haltung. Für ein persönlicheres oder reflektierendes Gespräch, wie etwa eine Beratungssitzung, eignet sich vielleicht eher ein bequemer Sessel oder ein Sofa, also ein Ort, an dem Sie sich wohlfühlen und leichter nach innen wenden können. 

Allein dieser kurze Moment der bewussten Entscheidung kann bereits einen Unterschied machen.

 

2. Ein anderer Platz, ein anderer Modus

Wenn möglich, wählen Sie einen Ort, der sich zumindest ein wenig vom restlichen Alltag abhebt. Das muss kein eigener Raum sein. Schon ein anderer Stuhl, eine andere Ecke oder ein leicht veränderter Blickwinkel können dazu beitragen, mental umzuschalten. 

Solche kleinen Veränderungen senden Signale an Körper und Gehirn, dass jetzt etwas anderes beginnt. Sie können auch ein paar Dinge aus dem Blickfeld räumen, sich anders als gewöhnlich hinsetzen oder einen vertrauten Gegenstand bewusst anders einsetzen, zum Beispiel eine Decke, die Sie nur für diese Art von Gesprächen verwenden.

 

3. Achten Sie auf das, was Sie umgibt

Nicht nur der Ort selbst, sondern auch das, was Sie sehen, beeinflusst Ihre Aufmerksamkeit. Bewegung im Hintergrund, andere Personen oder vorbeigehender Verkehr können Ihre Aufmerksamkeit immer wieder ablenken.

Auch kleinere Dinge spielen eine Rolle. Unterlagen auf dem Tisch, unerledigte Aufgaben oder ein ungemachtes Bett können ablenken oder unterschwellig Druck erzeugen. Sie brauchen keinen perfekt aufgeräumten Raum, aber eine kleine freie Fläche um sich herum kann helfen, sich besser zu konzentrieren.

Überlegen Sie auch, worauf Ihr Blick fällt, wenn Sie nicht direkt auf den Bildschirm blicken. Ein Fenster, eine Pflanze oder ein Bild an der Wand können unseren Fokus positiv beeinflussen. Wäscheberge oder visuelle Unruhe hingegen eher nicht. Manchmal hilft es schon, sich bewusst so hinzusetzen, dass Sie einfach nur eine leere Wand vor sich haben.

 

4. Achten Sie auf Ihre Haltung

Auch Ihre Körperhaltung beeinflusst, wie präsent Sie sich im Gespräch fühlen. Eine etwas aufrechtere Haltung, mit beiden Füßen auf dem Boden, unterstützt die Konzentration oft mehr als ein weiches Sofa, in dem man einsinkt.

Vermeiden Sie es, wichtige Gespräche aus dem Bett zu führen. Die meisten von uns verbinden das Bett mit Entspannung und Abschalten, nicht aber mit der Präsenz, die ein echtes Gespräch braucht. Zudem kann es sich langfristig auch auf den Schlaf auswirken, wenn das Bett mit anstrengenden oder emotional belastenden Themen verbunden wird.

 

5. Finden Sie heraus, was für Sie funktioniert

Es gibt nicht das eine perfekte Videocall-Setup, das für alle gleichermaßen passt. Entscheidend ist vielmehr, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie unterschiedliche Umgebungen auf Sie wirken. Oft sind es schon kleine Veränderungen, die einen spürbaren Unterschied machen.

Das gilt besonders, wenn Sie viel unterwegs sind oder von wechselnden Orten aus arbeiten. Auch in Hotelzimmern, fremden Wohnungen oder temporären Arbeitsräumen können Sie bewusst beeinflussen, wie sich ein Gespräch anfühlt, indem Sie nicht einfach den nächstbesten Platz wählen, sondern sich an einen ruhigeren Ort setzen, etwas Ordnung um sich herum schaffen oder Ihren Blick bewusst auf etwas Neutrales oder Angenehmes richten.

 

 

Kleine Veränderungen, große Wirkung

 

Um bessere Videogespräche zu führen, benötigt es meist keine großen Veränderungen. Oft reichen schon kleine Anpassungen und ein besseres Bewusstsein dafür, was Ihnen guttut.

Ich selbst führe meine psychologischen Beratungsgespräche am liebsten auf dem Boden sitzend, mit dem Rücken gegen eine Wand. Mir hilft diese Position, mich geerdet und fokussiert zu fühlen. Für andere wiederum wäre diese Haltung womöglich ungewohnt oder gar unbequem. Und das ist völlig in Ordnung. Entscheidend ist, dass Sie herausfinden, was Ihnen hilft.

Versuchen Sie doch beim nächsten Videogespräch einmal bewusst darauf zu achten, wo Sie sitzen und wie sich dieser Ort anfühlt. Unterstützt er Ihre Konzentration und Präsenz oder lenkt er Sie vielleicht eher ab? Wenn Letzteres der Fall ist, probieren Sie eine kleine Veränderung aus, zum Beispiel einen anderen Stuhl oder eine andere Ecke des Raumes. 

 

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Und wenn Sie selbst online mit Klient*innen arbeiten und Ihre Videogespräche bewusster gestalten möchten, finden Sie in meinem Kurs „Videogespräche professionell gestalten“ weitere praktische Ansätze. Mehr dazu und weitere Angebote für Kolleg*innen finden Sie auf meiner Website.

 

Der richtige Platz für bessere Videogespräche: 5 Tipps für mehr Fokus

Foto: Jep Gambardella, Pexels

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