„Die Liebe und ihr Henker“ ist eines der bekanntesten Bücher des renommierten US-amerikanischen Psychotherapeuten und Autors Irvin D. Yalom. In dem Buch schildert Irvin Yalom zehn unterschiedliche Fallgeschichten aus seiner therapeutischen Praxis. Im Zentrum stehen dabei existenzielle Grundthemen wie Angst, Einsamkeit, Sinnsuche, Vergänglichkeit und Beziehung.

 

 

Buchempfehlung: Yalom – Die Liebe und ihr Henker

Foto: Shawn Reza, Pexels

 

Yalom ist emeritierter Professor für Psychiatrie an der Stanford University, Psychoanalytiker und einer der bekanntesten Vertreter der existenziellen Psychotherapie. Seine Bücher haben im deutschsprachigen Raum seit Jahrzehnten eine besondere Resonanz, vielleicht weil sie therapeutische Arbeit nicht idealisieren, sondern in ihrer ganzen menschlichen Komplexität zeigen. Yalom schreibt offen, persönlich und manchmal auch irritierend ehrlich über das, was Therapie jenseits von Methoden und Diagnosen ausmacht.

Die Patient*innen, von denen Yalom in „Die Liebe und ihr Henker“ berichtet, könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Und doch zeigt sich im Verlauf der Geschichten, wie sehr sie alle durch ähnliche Probleme und Sorgen miteinander verbunden sind, unabhängig von Alter, Lebensgeschichte oder Symptomatik.

Bereits zu Beginn der ersten Fallgeschichte schildert Yalom seine spontanen Gedanken, Vorannahmen und inneren Reaktionen, auch wenn diese nicht immer schmeichelhaft sind:

 

„Ich arbeite nicht gerne mit Patienten, die verliebt sind. Vielleicht ist es Neid, auch ich sehne mich nach dem Zauber der Liebe. Vielleicht ist es die Tatsache, dass Liebe und Psychotherapie im Grunde unvereinbar sind. Ein guter Therapeut kämpft gegen die Dunkelheit und sucht Erleuchtung, während die romantische Liebe im Mysterium Nahrung findet und bei näherer Prüfung in sich zusammenfällt. Ich hasse es, der Henker der Liebe zu sein. Doch obwohl Thelma mir gleich zu Beginn unseres ersten Gesprächs erzählte, dass sie in eine hoffnungslose, tragische Liebe verstrickt sei, habe ich nie auch nur eine Minute gezögert, sie als Patientin anzunehmen. Alles, was ich auf den ersten Blick sah – das faltige Gesicht einer Siebzigjährigen, das schüttere, mit Wasserstoffsuperoxyd gebleichte, ungepflegte gelbliche Haar, die mageren blaugeäderten Hände –, sagte mir, dass sie sich irren musste, dass das nicht wahr sein konnte. Wie konnte die Liebe einen so gebrechlichen, klapprigen, alten Körper auswählen oder sich in diesem abgetragenen Jogginganzug aus Polyester niederlassen?“

 

Auch wenn diese Einblicke in die Gedanken des Therapeuten überraschend sein mögen, liegt genau darin eine große Stärke des Buches. Therapie erscheint hier nicht als sauberer, kontrollierter Prozess, sondern als Begegnung zweier Menschen, die beide Teil des Geschehens sind.

Die Geschichten geben einen spannenden Einblick in Yaloms Arbeitsweise, in das Leben und Leiden seiner Patient*innen sowie in die therapeutische Beziehung, die sich zwischen ihnen entwickelt. Dabei wirkt Yalom oft eher wie ein Freund als wie ein Arzt. Und gerade diese Nähe und Offenheit ermöglichen es den Patient*innen, ihre Probleme in einem neuen Licht zu sehen und zu überwinden.

„Die Liebe und ihr Henker“ ist kein klassisches Fachbuch und auch kein Ratgeber. Es ist eine Einladung, Therapie als Beziehungsgeschehen zu verstehen, mit all ihren Ambivalenzen, Grenzen und Möglichkeiten. Für Kolleg*innen kann das Buch eine wertvolle Reflexionsfläche sein, für interessierte Leser*innen ein ehrlicher Einblick in die psychotherapeutische Arbeit.

Wenn Sie gerne mehr über Yalom und seine therapeutische Arbeit erfahren möchten, empfehle ich Ihnen auch die dokumentarische Verfilmung Yaloms Cure (2014), in der Yalom auf sein Lebenswerk zurückblickt.

 

 

 

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