Die Welt, wie wir sie kannten, wurde vor zwei Jahren komplett auf den Kopf gestellt. Zu Beginn der Pandemie verfasste ich diesen Blogpost auf englisch und nun, da wir allmählich in einen normalen Alltag zurückkehren, schien ein geigneter Zeitpunkt zu sein den Post auch auf deutsch zu veröffentlichen, denn vielen wird erst jetzt wo sie wieder am sozialen Leben teilnehmen bewusst, was wir in den vergangenen Jahren durchgemacht haben und wie sehr uns die Pandemie verändert hat.

Was hatten Sie für für die letzten zwei Jahre alles geplant? Wie viele Reise- und Lebenspläne mussten Sie wegen der Pandemie aufgeben? Wie oft fühlten Sie sich ängstlich, traurig, unsicher oder auch einfach nur völlig überwältigt von den Geschehnissen?

Es mag Sie vielleicht überraschen, aber was Sie in diesen Situationen gefühlt haben, könnte in Wirklichkeit Trauer gewesen sein.

 

Die vielen Gesichter der Trauer

Foto: Kristina Tripkovic, Unsplash

 

Wir sind es zwar gewohnt über Trauer zu sprechen, wenn es um große Verluste in unserem Leben geht. Jedoch sind wir nicht so gut darin, Trauer unter anderen Umständen zu erkennen. Und wenn eine Pandemie nicht das war, was wir für die letzten Jahre erwartet hatten, dann war es das Gefühl der Trauer ganz bestimmt auch nicht.

Seit dem Beginn der Pandemie war diese Trauer ein immer wiederkehrendes Thema in meiner Online-Beratungspraxis. Dieses Gefühl besser zu verstehen hat vielen meiner Klient*innen geholfen besser damit umzugehen. Und nicht nur das. Es hat auch mir selbst geholfen, denn als digitale Nomadin bedeutete die Pandemie und das monatelange Festsitzen den Verlust einiger Kernelemente meines Lebensstils und meiner Identität. Von all den Veranstaltungen, Hochzeiten und Konferenzen, auf die ich mich gefreut hatte, mal ganz abgesehen.

Deshalb möchte ich einige Erkenntnisse über die Trauer während der Pandemie mit Ihnen teilen, denn vielleicht können sie auch Ihnen helfen.

Unter normalen Umständen fällt einigen von uns der Umgang mit Verlusten leichter als anderen. Jedoch hat COVID-19 unser Leben so stark verändert, dass die psychische Gesundheit eines jeden Einzelnen auf die eine oder andere Art belastet wurde und wird.

 

 

Für viele von uns ist die “neue Normalität” überhaupt nicht normal.

 

Während einigen Menschen die soziale Distanz leichter fiel als erwartet, hatten viele andere mit dem Verlust von Routine und Struktur zu kämpfen. Es ist definitiv nicht einfach plötzlich von zu Hause zu arbeiten, wenn man sich vorher nicht aktiv dafür entschieden hat. Dabei wurde die Grenze zwischen Arbeit und Zuhause immer verschwommener und unser Privatleben wird durch das unausgewogene Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit gestört. Wir sahen uns z.T. mit Hindernissen konfrontiert, durch die wir bei der Arbeit nicht 100% geben konnten. Die Welt stand uns nicht mehr offen, wir konnten uns nicht mehr so frei bewegen wie vorher. Wir verloren unser Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit. Dazu kam noch die Angst vor wirtschaftlichen Problemen und die Sorge um unsere Arbeitsplätze.

“Was bedeutet das für unsere Zukunft?”, fragten sich viele von uns.

In den letzten Jahren wurden unsere Widerstandsfähigkeit und unsere Strategien zur Bewältigung von Problemen bis an ihre Grenzen getestet und es fiel uns schwerer denn je, unser Leben in geordnete Bahnen zu lenken. Es geht also um viel mehr als nur das Problem, dass man gerade die Dinge nicht tun kann, die man normalerweise tun würde.

Viele meiner Klient*innen und Freund*innen haben in dieser Zeit mehr Angst, Furcht und ja, auch Traurigkeit erlebt. Die Pandemie hat unsere Welt auf den Kopf gestellt.

Daraus folgt, dass wir uns in all dieser Ungewissheit unwohl fühlen. Laut David Kessler, Mitautor des Buches On Grief and Grieving: Finding the Meaning of Grief through the Five Stages of Loss und weltweit führender Experte für Trauer, ist das von uns empfundene Unbehagen Trauer.

 

 

Wir alle trauern aus unterschiedlichen Gründen. Diese Zeit jedoch ist einzigartig, da wir alle gemeinsam trauern.

 

Trauer in der Pandemie verstehen

 

Nach dem Kübler-Ross-Modell gibt es 5 Stufen der Trauer. Es handelt sich dabei jedoch weniger um Stufen, sondern vielmehr um Phasen, die man in beliebiger Reihenfolge erleben kann. Während manche Menschen alle Trauerphasen an einem Tag erleben können, gibt es auch Menschen, die nur zwei oder drei der fünf Phasen erleben.

Unabhängig davon ist es wichtig, die Phasen der Trauer während der Pandemie zu verstehen und anzuerkennen. Nur dann werden wir in der Lage sein sie zu akzeptieren.

 

Stufe 1: Verleugnung

“Das Virus wird uns nicht befallen. Es ist ein Schwindel!”

Stufe 2: Wut

“Meine Freiheit und Sicherheit sind weg. Warum muss ich zu Hause bleiben?”

Stufe 3: Verhandeln

“Wird es besser, wenn ich mich 2 Wochen lang sozial distanziere?”

Stufe 4: Depression

“Ich will, dass all dies ein Ende hat. Es macht mich traurig.”

Stufe 5: Akzeptanz

“Es passiert. Ich muss jetzt einen Plan erstellen, wie es weitergehen soll.”

 

 

Bewältigung der Trauer während der Pandemie

 

Wenn wir Trauer akzeptieren, so schrecklich sie sich auch anfühlen mag, dann kann sie uns auch einen Sinn geben. Sie hilft uns den Verlust und die Notwendigkeit der Anpassung zu erkennen.

 

Hier sind einige Tipps für den Umgang mit der Trauer in der Pandemie:

    1. Lassen Sie sich nicht vom Mythos des positiven Denkens überwältigen. Sie müssen nicht das Beste aus der Situation machen und sie dazu nutzen sich “neu zu erfinden”, ein neues Unternehmen zu gründen oder 3 neue Sprachen zu lernen.
    2. Achten Sie auf Ihre Gefühle, kontrollieren Sie sie nicht.
    3. Schreiben Sie Herausforderungen auf, die Sie in der Vergangenheit bereits gemeistert haben.
    4. Nutzen Sie Technologie um mit Ihren Liebsten in Kontakt zu bleiben.
    5. Folgen Sie einer Routine. Wenn die alte nicht mehr passt, schaffen Sie sich eine neue.
    6. Begrenzen Sie Ihren Nachrichten- und Social-Media-Konsum.
    7. Denken Sie an einige gute Erinnerungen zurück und seien Sie dankbar für diese Erlebnisse.
    8. Konzentrieren Sie sich auf die kleinen positiven Dinge in Ihrem täglichen Leben. Dies ist ein guter Zeitpunkt um ein Dankbarkeitstagebuch zu beginnen.

Diese Pandemie hat uns auch Chancen eröffnet. Zum Beispiel waren viele Eltern mehr zu Hause und konnten so mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen (und die Arbeit von Lehrer*innen ganz neu zu schätzen lernen). Wir schätzen die Freiheit ausgehen zu können wieder und wir lernen neue Fähigkeiten. Das beweist, wie Menschen selbst in den schlimmsten Situationen über eine immense Kraft verfügen um wieder einen Sinn zu finden.

 

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Welche Erfahrungen haben Sie mit Trauer während der Pandemie gemacht? Teilen Sie Ihre Gedanken in den Kommentaren!

Wenn Sie Schwierigkeiten haben mit der Trauer zurechtzukommen, suchen Sie sich Hilfe bei einer Psycholog*in oder Therapeut*in. Denn Sie sind wichtig und Ihre Gefühle sind es auch.

 

Die vielen Gesichter der Trauer während der Pandemie

Foto: Supershabashnyi, Getty Images Pro (Canva Pro)

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