Die Geschichte der Psychiatrie, insbesondere von deren Anfängen, ist keine besonders rühmliche. Über lange Zeit hinweg wurden Patient*innen vor allem weggesperrt und mit Medikamenten ruhiggestellt. In vielen sogenannten „Irrenhäusern“ herrschten katastrophale Zustände von extremer Überbelegung und mangelhafter medizinischer Versorgung, bis hin zu Misshandlungen.

Eines der eindrücklichsten und zugleich traurigsten Bücher, die ich zu diesem Thema gelesen habe, ist der Bericht von Elizabeth Jane Cochran, die unter dem Namen Nellie Bly als investigative Journalistin Ende des 19. Jahrhunderts undercover in einer psychiatrischen Anstalt recherchierte. Das Buch erschien 2011 erstmals auf Deutsch und erinnert uns noch heute daran, wie wichtig der Schutz der Würde und Rechte von Menschen in vulnerablen Situationen ist.
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Buchempfehlung: Nellie Bly - Zehn Tage im Irrenhaus

Public Domain via Picryl.com

 

Nellie Bly war gerade einmal 23 Jahre alt, als sie sich 1887 in die berüchtigte Frauenanstalt auf Blackwell’s Island in New York einweisen ließ. Ihr Vorhaben war ebenso mutig wie gefährlich: Sie wollte die Wahrheit über die Zustände in der Anstalt ans Licht bringen. Um dorthin zu gelangen, gab sie sich als psychisch krank aus, übte vor dem Spiegel einen „irren Blick“ und verhielt sich in einem Frauenwohnheim so auffällig, dass die anderen Bewohnerinnen die Polizei riefen.

Während der Weg in die Psychiatrie überraschend einfach war, musste sie bald feststellen, dass der Weg heraus im Grunde unmöglich war. Wer einmal als „verrückt“ abgestempelt wurde, dem glaubte niemand mehr. Jeder Protest wurde als weiterer Beweis für den kranken Geist gedeutet. Ein perfider Kreislauf, aus dem es kein Entkommen gab

Viele der Insassinnen schienen gar nicht krank zu sein. Bly begegnete Frauen, die lediglich kein Englisch sprachen und deshalb als „verwirrt“ eingestuft wurden. Anderen wurde zum Verhängnis, dass sie arm waren, keine Familie hatten oder einfach unbequem geworden waren. Doch das spielte innerhalb der Institution keine Rolle mehr. Wer zu Beginn des Aufenthalts nicht krank war, wurde es spätestens durch die dort herrschenden Bedingungen.

Die Zustände, die Bly beschreibt, sind kaum zu ertragen: eiskalte Bäder als Bestrafung, ungenießbares Essen, verdreckte und überfüllte Schlafsäle, stundenlanges Sitzen auf harten Bänken ohne jegliche Beschäftigung. Bly wurde Zeugin und Opfer gravierender Missstände und Misshandlungen durch das Pflegepersonal. Pfleger*innen schlugen, beschimpften und demütigten die Patientinnen.

Nach zehn Tagen wurde sie schließlich mithilfe eines Anwalts aus der Anstalt geholt. Ihr kurz darauf veröffentlichter Bericht in der New York World, der Zeitung des Verlegers Joseph Pulitzer, sorgte für enormes Aufsehen und trug wesentlich dazu bei, die Zustände in der Psychiatrie auf Blackwell’s Island zu verbessern. Die Stadt New York stellte daraufhin eine Million Dollar mehr für die psychiatrische Versorgung zur Verfügung, und es wurden Reformen eingeleitet.

Nellie Blys Arbeit wirft grundlegende Fragen auf: Wer entscheidet, was „normal“ ist? Wie schützen wir die Rechte jener, die als anders wahrgenommen werden? Und wie stellen wir sicher, dass medizinische Einrichtungen tatsächlich heilen und nicht beschädigen?

Auf der Seite des Aviva-Verlages finden Sie eine Leseprobe aus dem Buch und können sich so einen weiteren persönlichen Eindruck vom Schreibstil Nellie Blys und dem Inhalt des Buches verschaffen. Die deutsche Ausgabe des Buches wird durch ein umfassendes Nachwort des Herausgebers Martin Wagner ergänzt, der sich u.a. mit der Frage auseinandersetzt, was eine junge Frau in der damaligen Zeit dazu bewegte, ein solches Wagnis einzugehen.

Blys Bericht erinnert uns daran, wie wichtig Transparenz, Kontrolle und vor allem Empathie im Umgang mit psychisch erkrankten Menschen sind. Ich empfehle dieses Buch allen, die sich für die Geschichte der Psychiatrie interessieren, aber auch jenen, die verstehen möchten, wie gesellschaftliche Normen und Machtstrukturen über das Schicksal einzelner Menschen entscheiden können. Es ist eine packende, oft beklemmende Lektüre, die zum Nachdenken anregt und zeigt, wie wertvoll es ist, wenn Menschen den Mut haben, ihre Stimme zu erheben.

 

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