In dem Blogeintrag der Wanderer – oder von der Kunst loszulassen ging es um das Loslassen von unnötige Lasten, die wir mit uns herumtragen. Heute möchte ich über eine andere, oft emotionalere Form des Loslassens schreiben: das Loslassen von Menschen. Und zwar nicht von Menschen, die uns nicht guttun oder uns Energie rauben – auch wenn das ebenfalls wichtig sein kann. Sondern von Menschen, die uns wichtig sind. Menschen, die wir eigentlich gerne festhalten würden. Vielleicht klingt das auf den ersten Blick widersprüchlich. Warum sollten wir Menschen loslassen, die uns guttun? Und doch gibt es im Leben immer wieder Situationen, in denen genau das notwendig ist.

 

Loslassen

Foto: Andrea Piacquadio, Pexels

 

Wenn sich das Leben ändert

 

Kennen Sie das? Das Leben verändert sich. Sie verändern sich. Oder – was oft schwerer zu akzeptieren ist – andere Menschen verändern sich. Und plötzlich verschieben sich Beziehungen. Freund*innen ziehen um, verlieren sich aus den Augen oder sind im Alltag mit Familie und Beruf so eingebunden, dass kaum noch Zeit bleibt. Vielleicht sind auch Sie selbst die Person, die aufbricht. Und obwohl Sie versuchen, in Kontakt zu bleiben, verblassen manche Verbindungen nach und nach. Manchen Menschen fällt es leicht auch auf Distanz Kontakt zu halten, für andere ist dies fast unmöglich. Und dann bleibt am Ende nur eines: Loslassen.

Bereits in meiner Kindheit wurde ich mit diesem Phänomen konfrontiert. Ich habe eine französische Schule in Deutschland besucht, was bedeutet, dass viele meiner Klassenkamerad*innen nur vorübergehend in Deutschland waren, solange der Beruf der Eltern dies erfordert hat. Meist handelte es sich hierbei um Aufenthalte von 3 bis 6 Jahren. Danach zogen sie weiter in alle Herrenländer, manchmal auch einfach nur zurück nach Frankreich. Und jedes Jahr kamen neue Kinder zu uns. Ich bin so früh in Kontakt mit sehr unterschiedlichen Menschen gekommen, die ein eher nomadisches Leben führten. Das hat sicher auch meine eigene Reiselust mitgeprägt. Für mich persönlich bedeutete dies aber auch, dass viele meiner Freund*innen nur vorübergehend in meiner unmittelbaren Nähe waren. Für mich bedeutete das aber vor allem: Ich musste früh lernen, Freund*innen gehen zu lassen. Den Kontakt auf Distanz zu halten – lange bevor es Smartphones oder Social Media gab. Und mich immer wieder fragen, wie sehr ich bereit bin, mich auf jemanden einzulassen, wenn ich bereits vorher weiß, dass unsere gemeinsame Zeit begrenzt ist.

Auch heute ist dieses Thema noch sehr präsent in meinem Leben. Das Leben als digitale Nomadin ist eine ständige Übung im Loslassen. Mit manchen neuen Bekanntschaften verbringe ich ein paar Tage oder Wochen, manche auch etwas länger. Wir verbringen Zeit miteinander, lernen uns kennen, sitzen nebeneinander auf der Yogamatte oder führen Gespräche, die tief gehen. Und dann reisen sie weiter. Oder ich. Und wir verabschieden uns wieder.

Loslassen heißt nicht vergessen

 

Viele Begegnungen bleiben eher oberflächlich. Doch manchmal – vielleicht gerade durch die begrenzte Zeit – entstehen besonders intensive, ehrliche und berührende Verbindungen. Und dann heißt es wieder: loslassen. Den oder die andere*n ziehen lassen. Vielleicht bleibt man in Kontakt, vielleicht begegnet man sich irgendwann erneut. Doch zuerst heißt es: annehmen, dass diese gemeinsame Zeit zu Ende geht.

Das Schöne ist: Eine Begegnung ist nicht weniger wert, nur weil sie kurz war. Auch flüchtige Momente können Spuren hinterlassen. Und selbst wenn wir uns nie wiedersehen – manche Gespräche, Blicke oder Gesten bleiben. In der Erinnerung. Im Herzen. Sie bereichern mich. Und obwohl das Loslassen nicht immer leichtfällt, überwiegt oft die Freude über das, was war.

So übe ich es jeden Tag aufs Neue: Loslassen. Mit jedem Abschied. Mit jedem Ausatmen. Immer wieder.

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