Der Segen und Fluch der Mehrsprachigkeit

Der Mensch ist ein soziales Wesen und wir alle neigen dazu, uns mit anderen zu vergleichen, immer wieder. Leider vergleichen wir uns aber nur selten mit den Menschen, die etwas weniger gut können als wir. Nein, es gibt immer jemanden, der X, Y oder Z besser kann als wir.

Vor Kurzem meinte eine meiner Klientin, sie habe sich meine Youtube-Videos angeschaut und sei beeindruckt, dass ich so viele Sprachen spreche. Sie selber spreche ja nur Deutsch und ein bisschen Englisch und habe zwar in der Schule Französisch gelernt, aber davon sei nicht viel hängen geblieben. Sie bewundere es ja immer so, wenn Menschen viele Sprachen sprechen. Sie redete noch eine Weile weiter darüber, dass es ja wirklich beeindruckend sei, dass ich gerade so eine schwere Sprache wie Französisch so gut beherrsche.

Da sitze ich also und höre dabei zu, wie ich für etwas gelobt werde, was so irgendwie gar nicht stimmt und frage mich gleichzeitig, was neben der Anerkennung und der Bewunderung wohl noch dahinter stecken mag. Neid? Unsicherheit? Minderwertigkeitsgefühle?

Aber zunächst zurück zur Anerkennung. Anerkennung für etwas, das ich so gar nicht verdient habe. Zumindest nicht in dem Sinne einer hart erarbeiteten Leistung. Meine Mutter ist Französin, ich war auf einer französischen Schule, natürlich spreche ich Französisch. So wie meine Klientin eben Deutsch spricht.

Ich hatte das Glück, zweisprachig aufzuwachsen.

Macht mich das nun zum besseren Menschen? Habe ich da etwas geleistet?

Ganz egal, wie oft ich von außen für meine Mehrsprachigkeit bewundert oder gelobt werde, ganz egal wie oft ich selber immer wieder mit großer Freude zwischen den Sprachen hin und her wechsle, es ist auch hier nicht alles Gold was glänzt. Wie so viele andere mehrsprachige Menschen habe auch ich immer wieder den Eindruck, dass ich keine davon so richtig gut beherrsche, dass es andere gibt, die noch mehr und noch besser sprechen oder schreiben, dass so vieles verloren geht im Chaos der Sprachen, im Wirrwarr in meinem Kopf.

Wie oft fühle ich mich inkompetent, weil ich etwas nicht verstehe? Weil ich zwar fließend Französisch spreche, aber jede Menge Fachwörter nicht kenne oder zumindest nicht spontan parat habe. Weil ich gerade bei einer Fortbildung auf Englisch war und dann Schwierigkeiten habe einen Inhalt daraus spontan auf Deutsch zu erklären? Dabei ist doch Deutsch meine Muttersprache, die Sprache, in der ich am längsten und häufigsten gearbeitet und gelebt habe?

Mein innerer Kritiker und die alte “ich bin nicht gut genug” Geschichte

Was ich eigentlich sagen will, und was ich in meiner Arbeit fast täglich mit Klienten erwähne: jeder hat Probleme, jeder hat Zweifel. Man sieht es den meisten nur von außen nicht an. Wir alle haben eine innere Stimme, die uns kritisiert, die uns erklären will, dass wir nicht gut genug sind. Die Frage ist am Ende, was wir mit der Stimme machen, wie viel wir auf sie hören und wie sehr wir uns von ihr in unserer Lebensführung einschränken lassen.

Ich könnte viel Zeit damit verbringen, mich jedes Mal darüber aufzuregen, wenn mir nicht sofort das richtige Wort in der jeweiligen Sprache einfällt. Ich könnte viel Energie darauf verschwenden, mich darüber zu ärgern, dass ich nicht so gut Spanisch spreche, wie meine Freundin M. Ich könnte aber auch einfach das Leben genießen und mich auf das Besinnen, was mir wirklich wichtig ist.

Ich kann daran arbeiten, das zu verbessern, was ich verbessern will (und kann) und das zu akzeptieren, was ich nicht ändern kann. Vor allem aber, kann ich mich darum bemühen, mich nicht so viel mit anderen Menschen zu vergleichen.

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Und wie ist es bei Ihnen? Sind Sie zweisprachig aufgewachsen? Was sagt Ihr innerer Kritiker denn so? Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Thema?

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