Einsamkeit bedeutet nicht immer, allein zu sein. Viele Menschen haben Freund*innen, Kolleg*innen oder Familie und fühlen sich trotzdem manchmal seltsam einsam in ihrem Alltag. Ein Grund dafür ist, dass vieles, was früher außerhalb der eigenen vier Wände stattfand, sich in den letzten Jahren ins Internet verlagert hat. Wir arbeiten, kommunizieren, kaufen ein und verbringen auch einen großen Teil unserer Freizeit online.
Dazwischen bleibt oft erstaunlich wenig Raum für spontane Begegnungen, vertraute Gesichter oder einfach das Gefühl, Teil des alltäglichen Lebens um uns herum zu sein. Es fehlen Orte, an denen man anderen Menschen ganz ungezwungen begegnen kann. Orte, die weder Zuhause noch Arbeit sind, aber trotzdem irgendwie vertraut. Für diese Orte gibt es einen Begriff: Dritte Orte oder auf English Third Places.

Foto: Ignacio Brosa, Unsplash
Was sind dritte Orte?
Der Begriff geht auf den amerikanischen Soziologen Ray Oldenburg zurück. Das Zuhause bezeichnete er als den ersten Ort, den Arbeitsplatz oder die Schule als den zweiten. Dritte Orte sind all die Orte dazwischen.
Dazu zählen zum Beispiel Cafés, Bibliotheken, Museen, Märkte, Parks oder andere öffentliche und halböffentliche Räume. Es sind Orte, an denen Menschen Zeit verbringen können, ohne dass ein bestimmter Zweck im Vordergrund steht. Man kann kommen und gehen, wie man möchte, ohne Erwartungen oder Verpflichtungen.
Dritte Orte schaffen damit einen Raum zwischen Arbeit und Privatleben, in dem man einfach unter Menschen sein kann und Zugehörigkeit oft ganz nebenbei entsteht.
Warum dritte Orte so wichtig sind
Die digitale Welt bietet uns mehr Möglichkeiten denn je, mit anderen Menschen in Kontakt zu bleiben. Gerade für diejenigen von uns, die viel reisen oder international leben, können Online-Communities, soziale Medien und Videogespräche eine wichtige Stütze sein. Was die Onlinewelt aber nicht ersetzen kann, sind die spontanen Begegnungen des Alltags, wie das kurze Gespräch mit dem Tischnachbarn im Café oder das vertraute Gesicht eines Händlers auf dem Wochenmarkt.
Studien zeigen, dass sich immer mehr Menschen häufig einsam fühlen und dass dieses Gefühl längst nicht nur ältere Menschen betrifft. Besonders junge Erwachsene berichten immer öfter von einem Gefühl fehlender Zugehörigkeit, trotz ständiger digitaler Vernetzung.
In meiner psychologischen Onlineberatung begegnet mir das Thema besonders häufig bei Klient*innen, die ortsunabhängig arbeiten, als digitale Nomad*innen leben oder sich als Expats ein neues Leben im Ausland aufgebaut haben. Sie haben Kontakte, aber oft noch keinen festen Platz im Alltag des neuen Ortes gefunden. Dritte Orte können hier helfen, sich Schritt für Schritt mit der Umgebung vertraut zu machen und langsam das Gefühl zu entwickeln, dazuzugehören.
Aber auch wer seit Jahren am selben Ort lebt, kann Phasen erleben, in denen das Gefühl von Zugehörigkeit plötzlich fehlt, etwa nach einem Umzug in ein neues Viertel, dem Ende einer Beziehung oder einfach, weil sich der Job oder Alltag verändert hat.
Aus psychologischer Sicht erfüllen dritte Orte eine wichtige Funktion. Viele soziale Kontakte erfordern eine gewisse Planung und Organisation. Man verabredet sich, muss Termine abstimmen oder an Veranstaltungen teilnehmen. Dritte Orte hingegen ermöglichen soziale Nähe ganz ohne Aufwand. Man kann dort Zeit verbringen, Menschen beobachten, gelegentlich ins Gespräch kommen (wenn man das möchte) oder einfach die Anwesenheit anderer genießen.
Für Menschen, die sich nach mehr Verbindung sehnen, kann das eine wichtige Zwischenstufe sein. Man ist nicht allein, ohne gleich Teil einer engen Gemeinschaft sein zu müssen.
Wo finden wir dritte Orte?
Nicht jede Stadt oder jedes Land bietet dieselben Möglichkeiten, und nicht jede Person fühlt sich an denselben Orten wohl. Wenn Sie neu an einem Ort sind oder sich gerade einfach einsam fühlen, lohnt es sich, einmal bewusst darauf zu achten, welche dritten Orte es in Ihrer Umgebung gibt. Wo verbringen die Menschen um Sie herum ihren Alltag? Wo fühlen Sie sich selbst wohl? Und wo könnten Sie regelmäßig auftauchen, ohne dass daraus eine Verpflichtung entsteht?
Gerade für Menschen, die ortsunabhängig leben oder viel von zuhause arbeiten, lohnt es sich, solche Orte bewusst in den Alltag zu integrieren. Sie können sich zum Beispiel ein Café oder einen Co-working Space suchen, in dem Sie regelmäßig arbeiten.
Auch kleine Routinen können helfen, Vertrautheit zu schaffen. Sie können zum Beispiel Ihre Mittagspause für einen Spaziergang im nahegelegenen Park nutzen – Bewegung und kurze Unterbrechungen im Arbeitsalltag tun uns ohnehin gut. Oder melden Sie sich in Ihrer örtlichen Bibliothek, einem Yogastudio oder für einen Töpferkurs an. Oft wird man auf diese Weise ganz unbemerkt Teil eines kleinen Alltagsrhythmus und genau daraus entsteht nach und nach ein Gefühl von Vertrautheit und Zugehörigkeit.
Verbindung im Alltag finden
Dritte Orte ersetzen keine Freundschaften, Familie und auch keine professionelle Unterstützung. Aber sie können etwas schaffen, das vielen Menschen heute fehlt: ein Gefühl von Zugehörigkeit im Alltag. In einer Zeit, in der immer mehr Bereiche unseres Lebens online stattfinden und viele Menschen zwischen Ländern, Kulturen oder unterschiedlichen Lebensentwürfen unterwegs sind, können solche Orte überraschend viel Halt geben.
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Wenn Themen wie Einsamkeit oder fehlende Zugehörigkeit Sie häufiger beschäftigen, begleite ich Sie gerne im Rahmen einer psychologischen Onlineberatung. Weitere Informationen finden Sie auf meiner Website.

Foto: Ignacio Brosa, Unsplash