Wenn Sie viel Zeit in Online-Meetings verbringen, haben Sie vielleicht auch schon einmal bemerkt, wie Ihr Blick immer wieder zu dem kleinen Fenster in der Ecke Ihres Bildschirms wandert. Ohne groß darüber nachzudenken, kehrt unsere Aufmerksamkeit fast automatisch zum eigenen Gesicht zurück. Wir prüfen kurz, ob die Haare noch sitzen, bemerken, wie müde wir wirken, oder beobachten uns selbst beim Sprechen.

Über mehrere Meetings hinweg verbringen wir deshalb oft überraschend viel Zeit damit, uns selbst anzusehen. Und diese ständige Selbstansicht beeinflusst uns mehr, als Sie vermutlich denken.

 

 

Zoom-Müdigkeit: Wie die Selbstansicht uns erschöpft

Foto: Mart Production, Pexels

 

Der Spiegel auf dem Bildschirm

 

Lange bevor Videogespräche für die meisten Menschen zum Alltag wurden, arbeitete ich bereits als Online-Psychologin und begleitete Klient*innen aus aller Welt in Videogesprächen. Als 2020 die Pandemie begann, war vieles von dem, was andere gerade erst entdeckten, für mich bereits vertraut. Mir war bewusst, wie viele Möglichkeiten die Online-Arbeit eröffnet, unter anderem in der psychologischen Beratung, aber auch wie erschöpfend es sein kann, den ganzen Tag in Videogesprächen zu verbringen. Der Begriff „Zoom-Müdigkeit“ (im Englischen “zoom fatigue”) verbreitete sich schnell, weil er etwas benannte, was so viele Menschen zum ersten Mal deutlich spürten.

Bevor Videogespräche so selbstverständlich wurden, sahen die meisten Menschen ihr eigenes Spiegelbild nur kurz im Laufe des Tages. Vielleicht morgens im Bad, ein schneller Blick vor dem Hinausgehen oder ein flüchtiges Spiegelbild in einem Schaufenster. Heute ist das anders. In vielen Videogesprächen bleibt das eigene Bild die ganze Zeit sichtbar. Über mehrere Meetings hinweg kann das schnell mehrere Stunden am Tag ausmachen, in denen wir uns selbst betrachten. Damit ist etwas entstanden, das es so vorher nicht gab. Stellen Sie sich einmal vor, jemand würde Ihnen den ganzen Tag über mit einem Handspiegel folgen und dafür sorgen, dass Sie Ihr eigenes Gesicht bei jeder Aufgabe und jedem Gespräch vor Augen haben. Es klingt absurd, aber genau das ist es, was in Videogesprächen passiert.

Forschende der Stanford University begannen bereits während der Pandemie, diesen Effekt zu untersuchen. Eine ihrer wichtigsten Beobachtungen war, dass die Selbstansicht in Videogesprächen wie ein Spiegel funktioniert. Und dieser Spiegel hat ernsthafte psychologische Konsequenzen für uns.

 

 

Warum Videogespräche so ermüdend sind

 

Das eigene Gesicht während eines Gesprächs zu sehen, löst Selbstbeobachtung aus. Sie bemerken Ihre Mimik, fragen sich, wie Sie auf andere wirken, oder beurteilen Ihr Aussehen. In kleinen Dosen ist das relativ harmlos, aber wenn es über die gesamte Dauer eines Gesprächs anhält oder sogar über mehrere Gespräche am Tag, kann es an unserer Energie  zehren.

Der Grund, warum es so schwer ist, den eigenen Anblick zu ignorieren, ist übrigens keine Eitelkeit, sondern reine Biologie. Unser Gehirn wird von unserem eigenen Spiegelbild unwillkürlich angezogen, selbst wenn wir aktiv versuchen, uns auf das Gespräch zu konzentrieren. Und wenn ein Teil unserer Aufmerksamkeit ständig mit uns selbst beschäftigt ist, fällt es uns schwer im Gespräch präsent zu bleiben. 

Diese ständige Selbstansicht ist einer der Gründe, warum Videogespräche oft ermüdender sind, als reguläre Meetings, und sie trägt zu dem bei, was oft als Zoom-Müdigkeit bezeichnet wird. Forschende sprechen in diesem Zusammenhang auch von Spiegelangst. Wenn wir uns über längere Zeit selbst ansehen, neigen wir dazu, unser Aussehen und unser Verhalten stärker zu bewerten als sonst. Im Laufe der Zeit kann diese fortlaufende Selbstbeobachtung zu einer kleinen, aber stetigen kognitiven Belastung werden, besonders wenn mehrere Meetings aufeinanderfolgen.

Studien deuten auch darauf hin, dass dieser Effekt nicht alle Menschen gleich stark betrifft. Untersuchungen zeigen, dass Frauen ein höheres Maß an Erschöpfung durch Videogespräche berichten als Männer, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass das Selbstbild die Aufmerksamkeit stärker auf das Aussehen lenkt.

 

 

Ein einfacher Trick gegen Zoom-Müdigkeit

 

Die meisten von uns ändern nie die Standardeinstellungen der Videokonferenz-Tools und gewöhnen sich einfach daran, dass das eigene Bild während jedes Meetings sichtbar ist. Dabei muss das gar nicht so sein. Die Lösung ist so einfach wie wirkungsvoll: die Selbstansicht ausblenden.

Bei Zoom zum Beispiel können Sie mit der rechten Maustaste auf das eigene Video klicken und „Selbstansicht ausblenden“ auswählen. Ihre Kamera bleibt an und die anderen können Sie weiterhin sehen, aber Sie sehen sich selbst nicht mehr. Viele Menschen empfinden ihre Gespräche sofort als natürlicher, sobald die Selbstansicht ausgeblendet ist, denn ohne das ständige Sehen des eigenen Gesichts fällt es leichter, sich auf die andere Person und das Gesprächsthema zu konzentrieren.

Eine weitere hilfreiche Veränderung ist, den Blick während des Gesprächs auf natürliche Weise schweifen zu lassen. In persönlichen Gesprächen halten wir selten ständigen Blickkontakt. Wir schauen kurz aus dem Fenster, auf den Tisch vor uns oder lassen unseren Blick in die Ferne schweifen, während wir sprechen und nachdenken. Dasselbe in Videogesprächen zu tun, kann die Interaktion deutlich entspannter und weniger anstrengend machen.

Kleine Anpassungen wie diese werden die Zoom-Müdigkeit nicht vollständig beseitigen, aber sie können dazu beitragen, Videogespräche weniger erschöpfend zu machen.

 

 

Kleine Veränderungen mit großer Wirkung

 

Videogespräche haben uns viele neue Möglichkeiten eröffnet. Wir können über große Entfernungen hinweg in Kontakt bleiben und für viele Menschen, mich eingeschlossen, ist es dadurch überhaupt erst möglich geworden, so zu arbeiten, wie wir es heute tun.

Gleichzeitig bringt diese Art der Kommunikation auch eigene Herausforderungen mit sich. Die ständige Selbstansicht ist nur eine davon, aber eine, die sich vergleichsweise leicht verändern lässt. Das eigene Bild auszublenden, den Blick zwischendurch einmal vom Bildschirm zu lösen oder einfach zu bemerken, wenn die Aufmerksamkeit wieder bei einem selbst landet, kann bereits einen spürbaren Unterschied machen.

Sie müssen dafür nichts Grundlegendes verändern. Oft sind es gerade die kleinen Anpassungen, die etwas verschieben.

Wenn Sie sich nach Videogesprächen auch häufig erschöpft fühlen, probieren Sie doch einmal aus, für ein paar Tage Ihre Selbstansicht auszublenden und beobachten Sie, was sich verändert. Sie werden vielleicht überrascht sein, wie viel leichter sich Gespräche anfühlen, wenn die eigene Beobachtung im Hintergrund verschwindet.

 

 

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Oft sind es gerade die kleinen, bewussten Veränderungen, die am meisten bewirken. Auch in Beratungsgesprächen schauen wir gemeinsam auf solche Zusammenhänge und wie sie sich konkret umsetzen lassen. Melden Sie sich gerne um ein Beratungsgespräch zu vereinbaren.

Und wenn Sie Kolleg*in sind und sich intensiver damit beschäftigen möchten, wie Videogespräche sowohl in der technischen Umsetzung als auch in der Gestaltung von echter Verbindung wirklich gelingen, finden Sie mehr hierzu in meinem Onlinekurs „Videogespräche professionell gestalten“.

 

Zoom-Müdigkeit: Wie die Selbstansicht uns erschöpft

Foto: Mart Production, Pexels

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